Anarchistisch oder Hierachisch – Wo steht der Lebenshof?

Ein zentrales Thema in jeder Gemeinschaft ist die Frage, wie Entscheidungen getroffen, neue Richtungen festgelegt, Konflikte gelöst und interne Abläufe organisiert werden. Hierbei gibt es unzählige Ausprägungen – von der Hausbesetzung mit anarchistischem Hintergrund bis zur Guru-geführten Esotherikgemeinschaft.

Betrachtet man all diese Modelle unvoreingenommen, wird man feststellen, dass jede Organisationsform ihre Vor- und Nachteile hat: Basisdemokratische Gemeinschaften bieten beispielweise eine freiere und egalitäerere Struktur als Gemeinschaften, die einen klaren Chef haben – dafür kann die Entscheidungsfindung bei ersterem auch sehr anstrengend sein und oft ist es schwierig, ein klares und wirtschaftliches Handeln als Gesamtorganisation umzusetzen.

Im Lebenshof versuchen wir hier einen guten Kompromiss zu finden, der irgendwo in der Mitte liegt. Natürlich ist aber auch eine gewisse Grundstruktur in unserem Projekt dadurch vorgegeben, dass das Gründerteam aus einer Familie kommt und dort derzeit auch das Eigentum an Häusern und Grundstücken liegt. In der folgenden Grafik haben wir mal versucht, uns im Spannungsfeld zwischen anarchistisch und hierarchisch einzuordnen:

Kurz zusammengefasst:

Anarchisten, 24-Stunden-dauerbekiffte-Extrem-Hippies 🙂 oder Esoteriker, die einen Guru suchen, werden bei uns nicht glücklich werden. Überzeugten Demokraten, die konsensorientierte aber strukturierte Organisationsformen gut finden, wollen wir den idealen Rahmen bieten, damit sie sich selbst zusammen mit der Gemeinschaft bestmöglich entfalten können.

Falls ihr euch nun fragt, wie gemeinschaftliche Entscheidungsfindung in der Praxis klappen kann, schaut euch doch mal das SK-Prinzip (Systemisches Konsensieren) näher an…

3 Comments

    • Hallo Steffi,
      unsere Gemeinschaft ist erst im Aufbau, daher gibt es noch keine schriftlich fixierte „Verfassung“ o.ä. in der die Vetorechte definiert wären. Je nachdem, wie sich unser Projekt entwickelt, werden wir das gemeinsam aushandeln.

      Was dabei klar sein muss: Johannes und Angelika haben einen Großteil ihrer Lebensenergie in den Hof gesteckt und nun sind sie bereit, den wunderbaren Ort für andere Menschen zu öffnen. Das versetzt uns in die außergewöhnliche Lage ein Gemeinschaftsprojekt SCHULDENFREI zu starten. (Andere Gemeinschaften die ich kenne, haben seit 15 Jahren einen Schuldenberg von mehreren Milionen und können mit ihrer Arbeit gerade mal die Zinsen finanzieren, ohne etwas zu tilgen.) Im Gegenzug dazu gilt es, das Projekt so zu gestalten, dass Angelika und Johannes sich damit wohl fühlen und ihr Leben auf dem Hof weiterhin genießen können. Diesen Kompromiss zwischen freier Entfaltung der Gemeinschaft und Rücksicht auf die Bedürfnisse der Eigentümer zu finden, ist sicher eine zentrale Herausforderung in unserem Projekt.

      Das Eigentum des Hofes liegt derzeit bei Angelika und Johannes, wobei eine spätere Vereins- oder Stiftungsgründung denkbar ist. Insbesondere bei baulichen Veränderungen haben Angelika und Johannes (mit all ihrer Erfahrung im zu beachtenden Denkmalschutz) derzeit das letzte Wort. Insgesamt muss man die Entwicklung vom persönlichen Eigentum zum Gemeinschaftsprojekt als andauernden Prozess der Öffnung, des Vertauensaufbaus und des Loslassens betrachten – und das braucht viel gegenseitiges Verständnis und Empathie… 😉

    • Steffi hat uns per Email noch einen Haufen weiterer Fragen gestellt.
      Sehr gerne möchte ich versuchen, diese hier öffentlich zu beantworten, denn sie sind vielleicht auch für andere Interessenten spannend:

      Hallo zusammen,
      ich habe ein paar Fragen zu eurem Projekt, was ich im allgemeinen sehr interessant finde!
      – habt ihr vor eine gemeinschaftliche Ökonomie zu betreiben?

      Prinzipiell sind wir offen für alle Vorschläge, wie man das (wirtschaftliche) Zusammenleben gestalten kann. Dabei werden wir uns tendenziell eher für gemäßigte als für radikale Lösungen entscheiden. Insofern würde ich vermuten, dass das Prinzip von Privateigentum und -vermögen beibehalten bleibt, aber durch einer Gemeinschaftskasse und evtl. eine eigene Gemeinschaftswährung ergänzt wird. Das beste aus beiden Welten also. 😉

      – Wenn ich z.B. als Gärtnerin oder als Sozialarbeiterin bei euch arbeite und auch auf dem Hof lebe, in wie weit muss ich dann noch meinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten?

      Wir müssen hier zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Möglichkeiten unterscheiden:
      a) Kurzfristig gibt es die Möglichkeit, bei uns gegen Kost und Logis mitzuarbeiten, also so wie Woofing.
      b) Wenn sich die Gemeinschaft dann gebildet hat, und die Menschen fix hier einziehen, muss jeder seinen Lebensunterhalt ganz klar selber finanzieren können und auch in der Lage sein, die laufenden Betriebskosten des Hofes mitzutragen
      (Grobe Hausnummer: 460 EUR pro Person pro Monat für Nebenkosten, Maschinen, etc.; Unter der Annahme, dass die Eigentümer auf Miete verzichten, und einen Energieausgleich in anderer Form von der Gemeinschaft bekommen. Details gerne persönlich).
      c) Ob und wie wir von der Gemeinschaft oder über Sozialprojekte finanzierte Stellen anbieten können werden, steht in den Sternen. Das hängt auch ganz viel von den Menschen ab, die sich einbringen, in welche Richtung sich das Projekt entwickelt und auch politische und bürokratische Fragen (z.B. „Hätten wir die Chance, als Träger eines sozialen Projekts anerkannt zu werden?“) spielen da eine Rolle.

      – Das Geld was von der Gemeinschaft für das Wohnobjekt und die Projekte im Laufe der Zeit eingebracht wird, an wen geht das? Hintergrund: Wenn ich jetzt z.B. 10 Jahre bei euch Lebe und arbeite und dann aus welchen Gründen auch immer aussteige, während dieser 10 Jahre habe ih z.B. 20.000 € investiert, was habe ich dann noch von diesem Geld?

      Auch das ist noch nicht genau zu beantworten. Aus dem Bauch raus würde ich sagen:
      – Die Arbeitsleistung und die Lebenszeit die du ins Projekt reinsteckst, ist dein Beitrag zum Projektrisiko, das jeder von uns trägt – das wird dir in Form von wunderbaren Stunden auf dem Lebenshof rückvergütet. 🙂
      – Die o.g. Betriebskosten würden wir vermutlich über ein Vereinskonto abrechnen, so dass davon niemand persönlich bereichert wird, aber der Hof erhalten und bei Überschüssen ggf. etwas aufgewertet werden kann.
      – Größere finanzielle Investitionen aus Privatmitteln, wie du sie ansprichst, müsste man dann im Detail betrachten, denn das hängt ja davon ab, wofür wir das Geld verwenden würden. Andere Gemeinschaften lösen das z.B. über Anteilsscheine / Aktien (die man zwar meist nur schwer wieder loswird, aber naja), Ausstiegsablösungen oder über tatsächliche Eigentumsübertragungen (z.B. Eigentumswohnungen)…

      – In welchen Räumlichkeiten finden die BewohnerInnen ihren Platz? Gibt es gemeinsamte 3er/4er/5er WGs oder teilen wir uns zu zehnt eine Küche? Und wie viele können/sollen es insgesamt werden?
      a) Kurzfristig könnten im Haupthaus, wo derzeit Angelika und Johannes wohnen, 2-4 Personen für zeitlich begrenzte Mitarbeitseinsätze wohnen (es gibt ein bereits bewohnbares Appartement mit eigenem Bad, WC, Küche, das man gemeinsam im Innenausbau noch gestalten könnte).
      b) Mittelfristig würden Angelika und Johannes das Haupthaus der Gemeinschaft überlassen und für sich ein Nebengebäude als altersgerechte Wohneinheit ausbauen. Im Haupthaus wäre dann Platz für 3 Wohneinheiten á 2 Personen plus ggf. 2 Kinder. Details zur denkbaren Raumaufteilung gerne persönlich.
      c) Langfristig könnte man dann anfangen die Nebengebäude auszubauen, aber da sprechen wir von mehren 100.000 Euro Finanzbedarf. Dort wäre dann Platz für viele viele Menschen, Klienten sozialer Projekte, etc.

      – Ist es angedacht, das neben Plenen noch andere gemeinschaftliche Aktionen stattfinden?
      Das können wir frei gestalten, wie wir wollen. 😉

      – Ist es angedacht das Wohnobjekt im Laufe der Zeit in Vereinseigentum umzuschreiben?
      Ja, das ist denkbar, siehe vorheriger Beitrag.

      – Was wenn die Besitzer irgendwann beschließen ihnen wird das zu viel und sie wollen ihr Haus wieder für sich? Also welche Sicherheiten habe ich wenn ich mit meiner Familie meine Lebensenergie bei euch einbringe auf Dauer?

      Ein Projekt kann natürlich immer scheitern, das ist klar. Was die Lebensenergie betrifft, ist das zunächst dein persönlicher Beitrag zum Projektrisiko, siehe oben. Bezüglich finanzieller Investitionen oder den Ausstieg Einzelner aus der Gemeinschaft sollten wir uns bemühen, am Anfang so klare Vereinbarungen wie möglich zu fixieren, damit hinterher keiner weinen muss. Bin zuversichtlich, dass wir das schaffen. 😉

      – Menschen die nicht bei euch leben, aber arbeiten, haben diese auch ein Mitbestimmungsrecht?

      Gute Frage, dazu haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Wie würdest du das lösen?

      – Wo gehen eventuell erwirtschaftete Gewinne aus den internen Betrieben hin?
      Haha, das Problem hätten wir voll gerne. 🙂 Denke, das meiste würde in die möglichst anständige Bezahlung von Mitarbeitern und den Erhalt und Ausbau des Hofes und der Projekte fließen. Wenn dann noch ein paar weitere Millionen in der Portokasse übrig sind, würde ich vorschlagen, zusätzliche landwirtschaftliche Flächen zu erwerben um sie der giftspritzenden Agrarindustrie zu entziehen und stattdessen nachhaltig zu bewirtschaften… 😉

      – (Eine eher theoretische Frage) Wie sieht eure Kritik am Kapitalismus aus? Und was setzt ihr dem Kapitalismus entgegen?

      Eine differenzierte theoretische Diskussion würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, zumal ich da keine Antworten „für uns“ sondern nur für mich persönlich geben möchte: Problematisch am Kapitalismus ist für mich die Akkumulation (z.B. von Geld, von Macht, von Eigentum) was ja für manche das „Herzstück“, Hauptmerkmal und Leitprinzip des Kapitalismus ist. Noch schlimmer sind aus meiner Sicht die sozialen und psychologischen Implikationen eines kapitalistischen Systems, die sich u.a. in Leistungszwang, Konkurrenzkampf, Neid und Abwertung von Leistungsschwächeren zeigen. Der Kapitalsimus fördert also destruktives Individualverhalten und steht damit im Gegensatz zu den universalen Beziehungswerten (wie Ehrlichkeit, Vertrauensbildung, Empathie, Kooperation und Teilen), die menschliches Zusammenleben gelingen lassen.
      Mein Ansatz wäre, sich dem Kapitalismus nicht „entegegnzustellen“, denn noch sind wir alle ein Teil von ihm – schlauer wäre m.E. zu versuchen, aus ihm heraus zu wachsen. Einen sehr spannenden und ausgefuchsten Ansatz, wie das klappen könnte, zeigt uns die Gemeinwohlökonomie (http://www.ecogood.org) für die ich mich derzeit intensiv engagiere.

      Ich hoffe, diese vorläufigen Antworten helfen weiter, und möchte dabei betonen, dass es sich um „Tendenzen“, wie ich sie momentan sehe und keine in Stein gemeißelten Regeln handelt. 🙂

      Liebe Grüße,
      Matthias

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